Tägliche Archive: 5. April 2020

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INTERVIEW: Selim Karaca (Trainer 1.Herren) spricht über sein Team und die laufende Saison, der Corona-Thematik und den Jugendfussball.

In ganz Niedersachen wurde die laufende Saison 2019/2020 aufgrund der Corona-Thematik bis auf Weiteres unterbrochen. Zeit, um mit Selim Karaca (Trainer 1.Herren) über die bis dato verlaufende Saison und aktuelle Themen zu sprechen.

Lieber Selim, die Familie Karaca hat Nachwuchs bekommen (wir berichteten). Erste Frage vorweg: Wie geht es dir und deiner Familie?

Hallo, uns geht es gut. Wir sind gesund und munter. Das ist in der aktuellen Situation sicherlich das Wichtigste. Unsere Tochter entwickelt sich prächtig. Es ist toll zu sehen wie sie von Tag zu Tag immer wieder neue Sachen erlernt. Einfach eine aufregende Zeit. 

Die aktuelle Corona-Problematik hat deinen Traineralltag schlagartig zum Erliegen gebracht. Der Vorstand des TuS Heidkrug hat recht frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannt und den Sportbetrieb aus Sicherheitsgründen untersagt. Wie gehst du als Trainer mit der aktuellen Problematik um, auch in Hinblick auf den Fitnesszustand deiner Jungs?

Ehrlich gesagt bin ich da ziemlich tiefenentspannt. Das A und O ist doch, dass alle eigenverantwortlich auf ihre Gesundheit achten. Der Fitnesszustand ist absolut sekundär. Diese weltweite Krise wird sehr viele Opfer fordern. Da müssen wir mit unseren eigenen Mitteln entgegenwirken. Derzeit fahre ich morgens zur Arbeit und nach dem Feierabend verbringe ich täglich die Zeit zu Hause. Sofern jeder seinen Beitrag leistet, können viele Menschenleben gerettet werden. Wenn sich unser Leben wieder ein wenig „normalisiert“, können wir meines Erachtens über den Fitnesszustand meiner Männer reden.

Der Niedersächsische Fußballverband (NFV) hat den aktuellen Spielbetrieb „bis auf Weiteres“ unterbrochen und hält sich die Tür offen, diese mit einer zweiwöchigen „Vorankündigung“ fortzusetzen. Wie ist deine Meinung dazu?

Meiner Meinung nach ist dies die einzige und richtige Entscheidungsmöglichkeit für den NFV gewesen. Es bringt nichts irgendwelche Tage bzw. Daten für den Amateurbereich auszurufen. Denn kein Mensch weiß wie sich die Lage entwickeln wird. Natürlich ist es schön, wenn man zwei Wochen „Vorlaufzeit“ erhält, jedoch ist eine direkte Wiederaufnahme des Spielbetriebs ebenso denkbar, weil alle die gleichen Voraussetzungen haben. Der NFV wird sich dahingehend sicherlich gut beraten haben und die Entscheidung somit das Beste für alle Beteiligten ist. 

Kommen wir nun zum überaus positiven sportlichen Teil. Zum 100-jährigen Geburtstag des TuS Heidkrug ist der Verein zurück auf Bezirksebene. Als Aufsteiger belegt ihr aktuell einen sensationellen 5. Platz mit ordentlich Luft zu den Abstiegsrängen. Auch wenn rechnerisch noch alles möglich ist in dieser Liga: Wie fühlt sich für dich die Rückkehr in die Bezirksliga, auch in Hinblick auf den Saisonverlauf, an?

Der TuS Heidkrug gehört in die Bezirksliga. Zum 100-jährigen Jubiläum im Jahr 2019 passte der Aufstieg natürlich wie die Faust aufs Auge. Die Rückkehr in die Bezirksliga fühlt sich wirklich toll an. Neue Sportanlagen, neue Gegner, neue Schiedsrichter, es ist alles für uns Neuland und daher auch so spannend. Überraschenderweise stehen wir recht ordentlich da. Damit haben viele und auch wir nicht unbedingt mit gerechnet. 

Als Aufsteiger habt ihr das Ziel „Klassenerhalt“ ausgerufen. Bleibt das Ziel aufgrund des Saisonverlaufes weiterhin bestehen?

Unser Ziel ist und bleibt der Klassenerhalt. Sobald wird das Ziel hoffentlich erreicht haben, werden wir uns ein neues Ziel setzen. 

Viele Teams in der Liga haben sogenannte „Unterschied-Spieler“ in ihren Reihen, die Partien auch mal im Alleingang entscheiden könne. Was ist das Erfolgsgeheimnis deiner Mannschaft? Hast du auch „Unterschied-Spieler“ in deinen Reihen?

Nein, wir haben keinen Spieler, der ein Spiel im Alleingang entscheidet. Das möchten wir auch nicht. Die Basis bei uns ist die mannschaftliche Geschlossenheit. Wir sind wortwörtlich ein Team. Das ist auch der Grund weshalb wir nicht nur aufgestiegen sind, sondern überraschenderweise für unsere Verhältnisse so gut gepunktet haben. 

Welche drei Bezirksliga-Partien waren aus deiner Sicht die Highlights der aktuellen Saison? Und warum?

Das Heimspiel gegen den SV Wilhelmshaven war das erste Highlight der Saison. Wir haben als Tabellenletzter den Tabellenführer empfangen. Unser Kader war in der Breite nicht wie üblich gut besetzt. Den großen SV Wilhelmshaven dann zu Hause zu besiegen war für mich das entscheidende Ereignis, weshalb wir danach viele Punkte geholt haben. 

Unser erster Auswärtssieg beim Heidmühler FC war dann das nächste Highlight. Freitagabend, Flutlicht, Busfahrt, knappes Spiel, gute Kulisse, der Bratwurstgeruch auf dem Platz . . was möchte man als Fußballer mehr? Da gehst du als Aufsteiger in der 83. Minute nach einem Rückstand 2:1 in Führung, kassierst in der 89. Minute den Ausgleich und klärst im Anschluss in der 90. Minute den Ball auf der Linie und konterst direkt zum eigenen 3:2, mehr geht nicht. Das 4:2 in der Nachspielzeit war dann einfach nur noch schön. 

Das nächste und dritte Highlight ist zwar keine Bezirksliga-Begegnung, aber dennoch für diese Mannschaft extrem wichtig. Es war der Triumph bei den HKM 2020. Uns hatte doch keine Sau auf dem Zettel. Beim Abschlusstraining am Mittwochabend vorher sagten die Jungs sogar selber: „Wenn wir so spielen wie heute im Training, holen wir nicht mal einen Punkt!“ Die Jungs dann auf das Turnier mental vorzubereiten und den Spirit zu entwickeln, war wirklich nicht einfach, zumal wir die Halle bis dato nie so richtig ernst genommen hatten. Es hat funktioniert. Das ist wirklich ein Highlight!

Wer und/oder was ist für dich die Überraschung der Saison?

Ganz ehrlich . . Und das meine ich überhaupt nicht arrogant, die größte Überraschung sind wir. Keiner hat mit uns gerechnet. Vor der Saison und insbesondere nach den ersten Spielen haben viele gesagt, dass wir so wieder runtergehen. Wir haben ein paar Spiele gebraucht und auch einige Entscheidungen falsch getroffen, jedoch haben wir uns wirklich klasse weiterentwickelt. Da kann ich meinem Team wirklich ein Sonderlob aussprechen. 

Die Corona-Thematik macht eine Saison-Planung für jeden Amateurfussballverein nicht wirklich einfach. Wie sieht es aktuell beim TuS aus im Bezug auf die Kaderplanung?

Ich habe mit meinen Jungs bereits gesprochen. Das mache ich immer bereits in den Wintermonaten, da einige immer wieder von anderen Vereinen angesprochen werden. Die Kaderplanung läuft also. Viele haben bereits zugesagt, einige hören leider auf. Dafür kommen ein paar Jugendspieler hinzu. 

Wie wir alle wissen, ist für eine kontinuierlich erfolgreiche Arbeit auch ein gut funktionierender Trainer samt Trainerteam enorm wichtig. Die Familie Karaca hat Nachwuchs bekommen. Darüber hinaus hast du dich beruflich weiterentwickelt, was für dich zeitlichen Mehraufwand bedeutet. Erste Gespräche mit dem TuS-Vorstand hat es ja bereits gegeben. Wie sehen deine aktuellen Pläne im Bezug auf dein zukünftiges Engagement als Trainer der 1.Herren aus?

Ich habe dem Vorstand klar gesagt unter welchen Umständen ich weitermache. Im Trainerteam wird es leider Änderungen geben. Ich benötige zudem weitere Unterstützung, da die Familie und mein Beruf absolut Vorrang haben. Ich warte auf die Rückmeldung des Vorstands, um dann meine endgültige Entscheidung bekanntzugeben. 

Der TuS Heidkrug ist auch überregional für die hervorragend Nachwuchsarbeit bekannt. Als ehemaliger Jugendtrainer, der im Zuge des damals ausgerufenen „Heidkruger Weges“ mit dem erfahrenen Jorge Jacinto (Co-Trainer) und Denis Lubrich (Teammanager) den Umbruch im Herrenbereich eingeläutet hat, setzt du verstärkst auf die Heidkruger Eigengewächse. Was meinst du, warum entscheiden sich die jungen Spieler für deine Mannschaft, obwohl in anderen Vereinen der ein oder andere Euro gezahlt wird?

Was unsere Jugendtrainer tagtäglich leisten, ist der absolute Wahnsinn. Da nehme ich aber alle Jugendtrainer in sämtlichen Vereinen mit. Wer einmal eine Jugendmannschaft trainiert hat, weiß welche altersspezifische Probleme bzw. Hürden der Job mit sich bringt. Unsere Mannschaft ist wirklich ein Team. Wir sind wirklich im wahrsten Sinne des Wortes eine Familie. Wir unternehmen privat sehr viel zusammen. Wir helfen uns auch im Privatleben untereinander weiter. Das ist alles nicht selbstverständlich. In der Bezirksliga fließen tatsächlich wirklich atemberaubende Zahlungen. Jedoch behaupte ich immer wieder, dass das Geld nicht alles ist. Wenn ein Spieler wegen paar Euro woanders spielen möchte, dann soll er das tun. Ich habe vor 5 Jahren die Herren des TuS Heidkrug übernommen. Da waren neben mir nur noch 10 Spieler im Kader. Ich verfolge die Philosophie, dass zunächst immer die Eigengewächse Vorrang haben. Punktuell ist jeder externe Spieler jedoch immer interessant, sofern er bei uns reinpasst. 

Wie du sicherlich mitbekommen hast, steht der Delmenhorster Leistungsfussball vor einem großen Umbruch. Vor wenigen Tagen wurde die Neugründung eines Jugendfördervereins (JFV Delmenhorst) verkündet. In Hinblick auf deine eigene Erfahrung als ehemaliger Bezirks- und Landesliga Jugendtrainer und aktueller Nachwuchsförderer im Herrenbereich: Wie hast du diese Nachricht aufgenommen und welche Meinung hast du dazu?

Im ersten Augenblick habe ich mich in der Zeit zurückversetzt gefühlt. Wir haben vor einigen Jahren die gleiche Diskussion geführt. Schlussendlich haben wir uns beim TuS Heidkrug damals aus verschiedensten Gründen dagegen entschieden. Der JFV ist der absolut richtige Weg! Jedoch müssen in einer Stadt wie Delmenhorst alle Vereine mitziehen.

Vielen Dank für das Interview. Wir wünschen dir und deiner Familie beste Gesundheit.

Vielen Dank und bleibt bitte alle gesund!